Vielen Dank, Herr Hörmann, für diesen Beitrag, der ganz in unserem Sinne den institutionellen Geldgebrauch hinterfragt und eine gedanklich zeitgemäß strukturierte Orientierung schafft. Mehr davon und mehr Verbreitung!
- von Daniela Rom | 13. Oktober 2010 -
Für Franz Hörmann, Professor an der Wirtschaftsuniversität in Wien, ist die
Zeit der Banken und des Geldes vorbei. Ein Paradigmenwechsel sowohl in den
Wirtschaftswissenschaften, als auch in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht,
ist für ihn unumgänglich. Im Gespräch mit derStandard.at erklärt er, warum
wir die Banken getrost ignorieren können, die freien Märkte “Blasenmaschinen
zum Missbrauch für die Eliten” sind und noch in den nächsten drei Jahren der
Zusammenbruch des gesamten Systems droht.
derStandard.at: Sie gehen davon aus, dass sich Gesellschaft und Wirtschaft
in den kommenden Jahren völlig verändern werden. Hat unser derzeitiges
Finanz- und Wirtschaftssystem ausgedient?
Franz Hörmann: Definitiv in jeder Hinsicht. Weil wir aus Sicht der Rechts-
und Wirtschaftswissenschaften Modelle verwenden, die auf die alten Römer
zurückgehen. Das Zinseszinssystem stammt aus dem zweiten vorchristlichen
Jahrtausend, die doppelte Buchhaltung aus dem 15. Jahrhundert. Und es gibt
keinen Bereich unserer Gesellschaft und der Wissenschaften, wo Methoden
dieses Alters überhaupt noch ernst genommen werden. Aber es dient dazu,
gesellschaftliche Eliten mächtig und reich zu erhalten, deswegen ändert sich
nichts.
derStandard.at: Läutete die Krise nun ein Umdenken ein?
Hörmann: Das denke ich schon. Die heutige Krise geht von den Banken aus.
Banken erfinden im Kreditprozess Geld. Wenn man aber Geld aus Luft erfindet
und das, was vorher noch nicht existiert hat, verzinst weiter gibt und
dinglich absichern lässt, dann ist das, wenn das Geschäftsmodell schief
geht, in Wahrheit ein Enteignungsmodell. Das ist auch der Hintergrund des
Bankgeheimnisses. Banken können überhaupt nicht offenlegen, wo
beispielsweise die Zinsen für Sparbücher, Bausparverträge oder Sonstiges
herkommen. Denn wenn sie das täten, müssten sie zugeben, dass das alles in
Wirklichkeit verkettete Pyramidenspiele sind. Diese verdeckte
Geldmengenausweitung hat mit der doppelten Buchführung begonnen. Weil wenn
man mit Geld eine Sache kauft, dann wechselt das Geld in Wahrheit den
Besitzer. Der Verkäufer hat das Geld, der Käufer hat die Sache. Ab dem
Moment ist die Sache aus wissenschaftlicher Sicht nicht mehr in Geld
bewertbar. Trotzdem schreiben wir diese Geldbeträge in Bilanzen rein.
derStandard.at: Den Banken und dem Finanzsystem zu vertrauen ist also ein
Fehler?
Hörmann: Das Vertrauen ist ja in den letzten Jahren von den Banken
systematisch missbraucht worden. Es gibt ein systemisches Betrugsmodell
einer Institution, der in unserem Wirtschaftssystem das Monopol zur
Geldschöpfung über Kredite eingeräumt wird. Solange man mit Eigenkapital als
Sicherheit zur Bank geht und die erzeugt aus Luft echtes Geld, das eine
Zahlungsmittelfunktion hat, haben wir ein Problem. Eigenkapital ist eben
kein Geld, es ist eine Rechengröße. Nach irgendwelchen Regeln wird die
Aktivseite bewertet und dann die Schulden abgezogen. Wenn ich ein drei Meter
langes Brett habe und ziehe ein zwei Meter langes Brett ab, dann hab ich
immer noch kein ein Meter langes Brett, ich habe eine Differenz. Wenn ich
ein ein Meter langes Brett haben will, dann muss ich die zwei Meter
abschneiden. Ökonomisch heißt das, ich muss die Aktiva liquidieren, damit
ich das Geld kriege. Zu Liquidationserlösen sind aber alle Unternehmen
weltweit pleite. Auch Staaten können sich daher in Wirklichkeit gar nicht
verschulden. Ein Staat, wenn man ihn als Summe des gesamten Geldflusses
versteht, wo soll sich der verschulden? Warum gerade bei einer Privatbank?
Ein Staat müsste sein Geld eigentlich selbst erzeugen, und zwar
basisdemokratisch.
derStandard.at: Was ist dann von einer Rettung wie im Falle Griechenlands zu
halten?
Hörmann: Die europäischen Länder haben nicht unbedingt die Griechen
gerettet, sondern ihre eigenen, in erster Linie die deutschen Banken, die
hier absurde Kredite vergeben haben. Die Zusammenhänge sind auch völlig
absurd, wenn man sich Folgendes überlegt: Der Staat verschuldet sich bei den
Banken, um die Zinsen der Schulden, die er bei den Banken hat, zu begleichen
oder um die Banken zu retten, bei denen er selber Schulden hat. Da versteht
ja keiner mehr, wer eigentlich bei wem Schulden hat und was Schulden
eigentlich sind.
derStandard.at: Die Systemrelevanz von Banken und das “too big to
fail”-Argument und die Bankenrettungspakete sind für Sie also reines
Eigeninteresse?
Hörmann: Das “Too big to fail” ist ja ein Geschäftsmodell. Es gibt
erwiesenermaßen die gezielte Absicht, Banken durch Übernahmen immer größer
zu machen, damit sie “too big to fail” werden. Die Verknüpfungen zwischen
Finanzwirtschaft und Politik sind enorm. Eigentlich kann man Regierungen,
die aus aktiven oder früheren Mitarbeitern des Finanzsystems bestehen, gar
nicht ernst nehmen. Da hat es zumindest eine mutige Aktion gegeben, nämlich
das Eigentum der Oesterreichischen Nationalbank zu verstaatlichen und damit
die Nationalbank von jenen Banken unabhängig zu machen, die sie prüfen
sollte. Aber die Geldpolitik macht nun einmal nicht die OeNB sondern die
EZB. Die Bankenrettungspakete sind überhaupt wahnsinnig witzig: Die Banken
wurden nicht gerettet, es gibt nur einen Plan für die Zukunft, von dem man
heute schon weiß, dass er nicht funktionieren wird, denn die Gelder müssen
ja erst in den kommenden “Sparpaketen” mittels Steuererhöhungen von den
Bürgerinnen und Bürgern einkassiert werden. Die Banken sind rund um den
Globus pleite. Darum kann man getrost so tun, als ob es sie nicht mehr gäbe.
derStandard.at: Aber noch gibt es sie.
Hörmann: Wenn wir uns die Kredite anschauen, können wir sie ignorieren. 1969
hat ein amerikanischer Architekt einen Prozess gewonnen, weil er seinen
Hypothekenkredit nicht zurückzahlen wollte. Er hat sich auf den
Rechtsgrundsatz berufen, dass in einer Leihe, wo ein Gegenstand erst
entsteht, der vorher noch nicht vorhanden war, dieser Gegenstand auch nicht
zurückgegeben werden muss. Da also in der Kreditschöpfung das Geld erst
erzeugt wird, gibt es keinen Grund, diesen Kredit zurückzuzahlen. In den USA
gibt es schon Bürgerrechtsbewegungen, die den Amerikanern empfehlen, sich
zusammenzuschließen und Kredite nicht mehr zurückzuzahlen.
derStandard.at: Kommen wir noch einmal auf die Bilanzen zurück. Das Problem
fängt Ihrer Ansicht nach schon hier an?
Hörmann: Es mangelt an der Abzählbarkeit der Größen, die in Bilanzen
verwendet werden. Jemand, der ein Haus um zwei Millionen statt um eine
Million kauft, weil er schlecht verhandelt hat, hätte dann ein um eine
Million höheres Eigenkapital? Und wenn er jemanden findet, der es um zehn
Millionen kauft, ist das dann ein Marktpreis? Es ist krank. Der Fair Value
ist auch ein Betrugsmodell, weil man es mit geschenktem Geld und
Strohmännern nachweislich missbrauchen kann. Der Fair Value gehört endlich
abgeschafft. Er ist nichts anderes als der sogenannte Gemeine Wert, der Ende
des 19. Jahrhunderts aus dem Deutschen Handelsgesetzbuch eliminiert wurde,
weil er auch da schon zu massenhaftem Gründungsbetrug bei
Aktiengesellschaften geführt hat. Es ist ein flächendeckender Betrug über
Kapitalgesellschaften und Banken in unserem Wirtschaftssystem. Aber das darf
die Politik nicht zugeben, weil es zu nahe an jene Formulierungen
heranreicht, die früher die Marxisten verwendet haben. Und das wäre ja allzu
peinlich. Wobei man natürlich sagen muss, dass der Staatssozialismus und die
Planwirtschaft überhaupt nicht funktionieren konnten, weil das ja
tatsächlich Terrorregime waren.
derStandard.at: Derzeit werden die Stimmen, dass beispielsweise der Euro
verschwinden wird, immer lauter. Brauchen wir Geld überhaupt noch?
Hörmann: Alle Währungen werden verschwinden, weil sie technisch nicht mehr
funktionieren können. Ich schätze, dass es schon 2011 so weit sein wird.
Wenn wir uns aber in eine neue Gesellschaft ohne Geld retten wollen,
brauchen wir als Übergangphase mehrdimensionales Geld. Wir brauchen mehrere
unabhängige Rechnungskreise in Form spezialisierter elektronischer
Gutscheine. Um die Grundversorgung der Menschen abzudecken, wie Wohnraum,
Energie, Lebensmittel usw., könnte man eine Inventur in den einzelnen
Ländern aller verfügbarer Ressourcen und des Bedarfs machen. Dann wäre es
notwendig, die vorhandenen Ressourcen pro Kopf so zu verteilen, dass für den
Basislebensstandard alle versorgt sind. Hier müssen alle kooperieren, ohne
dass sie in ein gewinnorientiertes Tauschkonzept verfallen. Die Gemeinschaft
muss ohne Wenn und Aber und ohne Gegenleistung Kinder, alte und kranke
Menschen erhalten, und alle müssen mit diesem Grundlebensstandard versorgt
werden, egal welche oder ob sie überhaupt eine Leistung vollbringen.
derStandard.at: Wir sprechen also von einem bedingungslosen Grundeinkommen?
Hörmann: Genau. Aber nicht in Geld, sondern in Gütern und Dienstleistungen.
Im Bereich des Luxus kann die Gesellschaft dann basisdemokratisch
entscheiden, für welche individuellen oder Gruppenleistungen Preise
ausgeschrieben werden. Für tolle Erfindungen zum Beispiel, oder besonders
schwierige oder mühsame Arbeiten. Das ist dann der Ansporn in einem
motivierenden, leistungsorientierten Anreizsystem. Es reden ja alle von der
Leistungsgesellschaft, aber Zinsen- und Dividendeneinkommen sind keine
Leistung, sondern eine Vergütung für Eigentum. Da Geld sowieso eine
gesellschaftliche Konstruktion ist, müssen wir uns nicht an der toten
Materie orientieren, die in früheren Jahrtausenden die praktische
Manifestation von Geld war. Geld selbst besitzt ja lediglich eine
Informationsfunktion.
derStandard.at: Noch nehmen wir das Geld aber sehr ernst. Währungskrieg und
Währungskrisen geistern durch die Medien.
Hörmann: Der wirkliche Skandal ist, dass unser gesamtes Geldsystem auf
Schulden basiert. Das heißt, die Geldschöpfung funktioniert zu 97 Prozent in
den Geschäftsbanken. Auch Staaten nehmen so Kredite auf: Die Zentralbanken
machen das durch eine Bilanzverlängerung. Über eine Bilanzverlängerung kann
man aber kein Geld erzeugen. Die chinesische Staatsbank erfindet auch Geld
aus Luft, nur lustigerweise, ohne dass eine Staatsschuld entsteht. Das
sollten wir auch machen. Der chinesische Wirtschaftswissenschafter Wu hat
bei einem Vortrag an einer amerikanischen Universität gesagt: Er werde oft
gefragt, warum es in China so viele Unternehmensgründungen gegeben hat. Die
chinesische Staatsbank habe Gründungskredite hergegeben, die waren
unverzinst und mussten nicht zurückgezahlt werden. Das kann man natürlich
nur als Zentralbank machen, wenn man einseitig bucht und nicht gleichzeitig
Schulden erzeugt. Und wenn man dann sagt: Um Gottes Willen, dann gibt’s ja
Inflation! Das haben die Chinesen über eine Preisregulierung gesteuert und
waren damit wieder die Schlaueren. Das will aber bei uns keiner hören, weil
das geht gegen das Dogma der freien Märkte, die Blasenmaschinen zum
Missbrauch für die Eliten sind.
derStandard.at: Ist China da wirklich ein Vorbild?
Hörmann: Die Chinesen machen es richtig. Sie picken sich aus den beiden
politischen Systemen jeweils die Rosinen raus und sind offenbar so flexibel
zu sagen: Das, was in unserem alten System gut funktioniert hat, behalten
wir bei. Und das, was im kapitalistischen System gut ausschaut, das
übernehmen wir. Es ist eine Mischform, die sich noch dazu laufend weiter
entwickelt, also einer Evolution unterliegt. Aus Sicht der Elite in China
ist es einfach, solange sie es so steuern kann. Ob es für die gesamte
Bevölkerung, insbesondere für die Landarbeiter so einfach ist, ist eine
andere Frage.
derStandard.at: Wo sehen Sie unser Wirtschaftssystem nun in Zukunft?
Hörmann: Solange Eigentümer etwas produzieren, damit Konsumenten es gegen
Geld kaufen, werden wir in absehbarer Zeit in einen Zustand geraten, wo die
öffentliche Hand, die Gelderzeuger, die Konsumenten dafür bezahlen müssen,
dass sie einkaufen gehen. Nur dann werden die Eigentümer noch ihre Gewinne
erzielen können. Denn durch Arbeit in immer stärker rationalisierten und
automatisierten Prozessen wird kein Mensch mehr sein Einkommen verdienen
können. Wir wissen, dass zehn Prozent der berufstätigen Bevölkerung von
ihren Arbeitseinkommen nicht mehr leben können. In Wirklichkeit müssten wir
darüber in Freude ausbrechen. Zu Beginn der Industrialisierung war die
betriebswirtschaftliche Maßgröße eingesparte Arbeitsstunden. Und genau das
ist die einzig sinnvolle ökonomische Größe.
derStandard.at: Sie wünschen sich also eine neue Weltordnung?
Hörmann: Globalisierung richtig verstanden, bedeutet, dass es keine
Standortpolitik mehr gibt. Es gibt nur einen Standort, und das ist der
Planet Erde. Und es gibt auch nur eine Nation, das ist die Menschheit. Diese
ist natürlich vielfältig, und muss liebevoll und empathisch miteinander
kommunizieren. Wir müssen auch die Vertreter der sogenannten Elite dort
abholen, wo sie heute stehen. Wir dürfen keine Sündenböcke suchen. Denn wir
müssen ihre Verlustängste berücksichtigen und sagen: Ihr werdet zwar etwas
verlieren, aber das sind nur Zahlen auf Papier oder Displays. Und wenn ihr
mitarbeitet, dann können wir jede Form von Lebensstandard schaffen und zwar
für eine breite Bevölkerung. Das schafft dann auch Sicherheit, weil es
keinen Neid mehr geben wird.
derStandard.at: In welchem Zeithorizont denken Sie an diese neue
Gesellschaftsordnung?
Hörmann: Drei Jahre. Die Frage ist nämlich, schafft es die Menschheit, in
drei Jahren dieses Konzept umzusetzen oder wird sie gar nicht mehr bestehen.
Wir haben nämlich massenhaft ökologische und soziale Probleme, in vielen
Ländern stehen wir kurz vor der Revolution.
derStandard.at: Sie reden also vom ultimativen Crash?
Hörmann: Richtig. Wie die Gesellschaft in Zukunft leben wird oder will, kann
nur die Gesellschaft selbst entscheiden und zwar nach dem Mehrheitsprinzip.
Das geschieht demokratisch in der Vernetzung. Hierarchische Strukturen
können aus informationstheoretischer Sicht nie funktionieren, weil die
Personen an der Spitze der Pyramide das Wissen nicht haben. Sie werden von
den Schichten darunter permanent belogen. Wie man sich als einfacher Bürger
gegen Überwachung oder Schikanen wehren kann, ist bekannt: Man lügt die
Mächtigen einfach an. Daher brechen sämtliche hierarchische Systeme, ob das
Regierungen, Staaten, Schulsysteme oder Unternehmen sind, momentan zusammen
und die Menschheit vernetzt sich über das Internet auf einer Ebene neu, über
das “global brain”. Hier entstehen dann völlig neue Spielregeln nach dem
Prinzip der Emergenz. (Daniela Rom, derStandard.at, 13.10.2010)
FRANZ HÖRMANN ist Professor am Institut für Revisions-, Treuhand- und
Rechnungswesen der Wirtschaftsuniversität Wien.